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Zur Beichte an die Mülltonne

Der Künstler Christian Bedor verloste Postkarten auf dem Dalles

Mörfelden-Walldorf (p1e). Nicht nur auf den ersten Blick sieht Christian Bedor etwas skurril aus: Spaßbrille, froschgrüne Kappe, rote Fliege und dann die­ser eigenartige Bauchladen, der keiner ist. Tatsächlich handelt es sich bei dem Behälter um eine verkleinerte rote Mülltonne, die der Frankfurter auf dem Mörfel­der Dalles zur Schau trägt. Die Tonne sei ganz bewußt rot, „als Signalfarbe", meint der „Müll­mann“. Bedor selbst bezeichnet sich als Foto-Text-Künstler, Er stellt Postkarten her, die der gemeinen grauen Mülltonne zu neuen Anschauungsweisen ver­hilft. Millionen Menschen haben fast täglich mit der Mülltonne zu tun, was angesichts übler Gerü­che meist keine angenehme Pro­zedur ist. Also Deckel auf, schnellstmöglich wieder zu und fertig. Auf Christian Bedors Postkar­ten gibt es die Mülltonne zu ‚Else Kling’, oder gar eine Beicht­tonne mit der Anweisung: "Knie nieder und sprich durch das Gitter". Bedor möchte den Men­schen somit die Tonne als Kom­munikationsobjekt näher brin­gen. Aus der Tonne, die er auf dem Dalles mit sich führte, konnte jeder Müllzeit-Lose zie­hen. Zu gewinnen gab es Müll­zeit-Postkarten, die in der Dawntown-Galerie in der Zwerggasse abgeholt werden konnten. Kommunikation wurde somit zum großen Schlagwort der Aktion. Jeder, der ein Müllzeit-Los ziehen wollte, mußte erst­mal mit Christian Bedor in Kontakt treten. Als Gewinner konnte sich jeder eine Postkarte aussuchen, die er wieder als Kommu­nikationsmittel verschicken kann. Auch das Wörtchen Müll­zelt trägt Bedeutung. Neben der materiellen Müllzeit möchte Bedor vor allen Dingen auf die geistige Müllzeit in Politik und Gesellschaft hinweisen. Die Aktion in Mörfelden hat ihm sehr viel Spaß gemacht. „Es war einfach toll mit den Leuten in Kontakt zu treten. Mich haben einige gefragt, wann ich wieder da bin mit der Tonne".

 Freitags-Anzeiger, Donnerstag, 30. April 1998

S. auch Postkarten-Show

Geflüster

Die Mülltonne schlägt zurück. Gedan­kenlos wirft eine verschwenderische Ge­sellschaft seit Jahr und Tag ihren Abfall in große Eimer. Kein gutes Wort, keine Sekunde unserer Aufmerksamkeit galt je der Mülltonne - nicht einmal, als sie be­tont fröhlich in gelb und grün daherkam. Als ob es selbstverständlich wäre, daß sie all unseren Dreck schluckt, für alles Alte offen und nur ganz selten ein bißchen stinkig ist. Schützenhilfe für den Under­dog Mülltonne kommt jetzt aus Künstler­kreisen. CHRISTIAN BEDOR sucht den Dialog mit dem Gebrauchsobjekt in Wort und Bild. Die Tonne ist fotogen und vielseitig, wie Bedors Postkarten-Serie „Müll-­Zeit" zweifelsfrei unter Beweis stellt. Bei­spielsweise als „Just married-Vehikel" (Foto). Der Frankfurter will aber noch mehr: die „Kontaktart" mit der Tonne er­weitern und ihre „öffentliche Wirkung verstärken." So wandelt sie sich in seinen Performances vom „Müllnehmer" zum „Neuproduktgeber", sagt Bedor. Am Mitt­woch, ll. November, ist der Künstler samt roter Tonnen auf der Berger Straße (Höhe Kaufhaus Saturn) von 12.30 bis 16 Uhr in Aktion. Dann gibt es tonnenweise Gewinne. Ganz ungetrübt scheint des Künstlers Beziehung zu seinem Objekt jedoch nicht zu sein. Ob er was gegen Müll hat? Seine Kunsttonnen jedenfalls sehen aus wie geleckt. fen

Frankfurter Rundschau, Dienstag, 3. November 1998

S. auch Walk-Act-Event 2


Hauptgewinn!

Warum trägt der Mann mit der grünen Mütze, der riesigen Brille und der lus­tigen Fliege eine rote Mülltonne vor dem Bauch? »Ich verkaufe Müll-Zeit-Lose«, erklärt Christian Bedor. Nein, er ist kein Clown, er ist Buchautor und Künstler. Und eben Müllzeitlos-Croupier. »Für Gewinn-Lose gibt es Preise an meinem Stand«, verspricht Bedor und dreht sich um. Auf der großen blauen Tafel auf seinem Rü­cken sind die Gewinne abgebildet. Als Haupt­preis winkt eine Hörbuch-CD, auf der Bedor sein Buch »Beichtgang« vorliest. Wer es lie­ber mit eigenen Augen lesen möchte, kann »Beichtgang« auch am Stand kaufen. Der Untertitel macht neugierig: »Fiktive Autobio­graphie eines katholischen Hauptlehrer­sohns. »Es geht um Sünde, Schuld und das Erwachsenwerden«, fasst der Autor den In­halt zusammen und verrät, dass er vieles selbst erlebt habe. Aber warum die rote Müll­tonne? »Das ist mein Markenzeichen«, ant­wortet Bedor. Die Mülltonne diene ihm als Kommunikationsobjekt, sie sei Bestandteil seiner Entertainment-Tombola. »Es geht auch für mich um Spaß«, sagt der komische Losverkäufer und katholische Buchautor ganz ernst, bevor er weiter seine Runden durch die Gänge der Minipressen-­Messe zieht.

Quelle: Mini Messen-Presse Mainz, Nr. 2., Freitag, 6. Mai 2005 – Mainzer Institut für Buchwissenschaft „vor Ort“

S. auch Walk-Act-Event 1



Autor Christian Bedor liest aus „Beichtgang“

Bornheim -Am Montag, 15. Dezember, 16 Uhr, liest der Frankfurter Autor und Müllzeit-Los-Croupier Christian Bedor aus seinem Buch „Beichtgang - Fiktive Autobiographie eines ka­tholischen Hauptlehrer­sohns" im Cafe Wien, Habs­burgerallee 3.

Thomas Lehr, der Hauptleh­rersohn, ist der Protagonist des Buches. Er schildert, wie er Anfang der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts in der Schule eines kleinen katholi­schen Dorfes heranwächst, weil seine Eltern Lehrer sind und in der Schule eine Dienstwohnung haben. Tho­mas wird von seinen Eltern und der Kirche auch mit kör­perlicher Strafe streng reli­giös erzogen. Anfangs lebt er in der Welt der Zehn Gebote, glaubt an aufrichtige Liebe, Ehrlichkeit und Gehorsam.

Für seinen Vater, der Schulleiter ist, muss Thomas als Zehnjähriger Bier und Schnaps kaufen, was ihm große Schuldgefühle bereitet. Ferner erfährt der Lehrersohn vom langjährigen Verhältnis seines Vaters mit seiner Klas­senlehrerin.

Die Familienkrankheit Alko­holismus schreitet soweit fort, dass sein Vater nicht mehr arbeiten kann und ster­ben will. Abzusehen ist, dass sich Thomas zu einem er­wachsenen Kind entwickeln wird, denn Schuld, Angst, Scham und Ohnmacht sind seine Lebensbegleiter.

Christian Bedor studierte Neuere Deutsche Literatur­wissenschaften, Film- und Medienwissenschaften. Mitte der 90er Jahre wurde er be­kannt durch seine Postkarten aus den Bere

v\ichen Witz, Sati­re und Ästhetik sowie durch sein Walk-Act-Event mit Müll-Zeit-Losen, Event-Auf­tritte während des Kirchen­tags in Frankfurt 2001, wäh­rend des Kirchentags in Ber­lin 2003, Kunst-Tombola während des Straßenfestes „Leipziger Straße" 2002 und zu vielen anderen Anlässen.

Das Blättche, Frankfurt, 11. Dezember 2003

 S. auch Bücher Hörbuch



Menschlichkeit bleibt im Alltag auf der Strecke

Buchmesse: Christian Bedor liest aus dem Buch „Bewegungsversuche“ STOCKSTADT. Sie sind uns nicht unbekannt, Zeitgenossen, die rücksichtslos und egoistisch durch die Gegend laufen, dabei nicht auf ihre Mitmenschen achten, sie achtlos anrempeln, ohne dies zu bemerken oder sich zu entschuldigen. Auch Karsten Sippelhagen kennt sie zur Genüge. Er ist einer der Hauptakteure in dem neuen Buch „Bewegungsversuche“ der Autoren Christian Bedor und Michael Liebusch. Bedor stellte das Buch am Samstagnachmittag auf der Buchmesse im Ried in der Stockstädter Altrheinhalle vor und gab den Zuhörern einige Kostproben seiner Kurzgeschichten.

Die Zuhörer, die zur Autorenlesung gekommen waren, ließen sich von den Kurzgeschichten zum Nachdenken anregen. Gespannt lauschten sie den Erzählungen, die sich zumeist in Frankfurt am Main abspielen, in der Stadt, in der Bedor lange Zeit lebte und Liebusch auch heute noch verwurzelt ist. Manch einer der Zuhörer erkannte sich auch in den Situationen wieder, die der Hauptakteur erlebt.

Der überaus korrekte, wenn auch wunderliche Sippelhagen – neben Claus Auf-Zuruf und Berti Störer einer der drei Protagonisten in Bedors Kurzgeschichten –, gerät durch die Rempeleien seiner Mitmenschen immer wieder ins Straucheln und merkt, dass durch die alltägliche Beschleunigung, Schnelligkeit und Hast, durch die Rücksichtslosigkeit in der heutigen Welt einfachste Bewegungen große Herausforderungen sein können. Oft fühlt er sich hilflos und weiß nicht, wie er sich Remplern gegenüber verhalten soll. Stellt er sie zur Rede, muss er zumeist eine pampige Antwort einstecken.

„Mein Wunsch ist, dass wir in der heutigen Welt wieder zu einem menschlichen Verhalten zurückkommen“, fasst Autor Bedor die Botschaft seines Buches zusammen. „Das Tempo, in dem wir heute leben, ist enorm hoch“, bedauert er und fügt hinzu, dass heutzutage im Alltag oft die Menschlichkeit auf der Strecke bleibe.

Insgesamt haben er und sein Kollege Liebusch in dem Buch 20 Kurzgeschichten aus eigener Feder zusammengetragen, die bislang unveröffentlicht waren. Sie alle drehen sich um das Thema „Reise und Bewegung“. Dabei geht es nicht vorwiegend um Urlaubsreisen, sondern um alltägliche Bewegungen, um den Kampf mit den Tücken des Alltags und um skurrile Situationen, die mitten aus dem Leben stammen.

Beim Erzählen gehen die beiden Autoren höchst unterschiedlich an das Thema heran: Bedor sieht sich als Chronist seiner Zeit; er hat detailgetreu recherchiert und schildert mit starkem Bezug auf die Gegenwart auch Erlebnisse aus seiner Frankfurter Zeit. Liebusch tritt dagegen eher als Utopist auf. In seinen Erzählungen sind oft surreale Lösungen erkennbar. Aber gerade in dieser Verbindung liegt der Reiz des Buches. Es ist im Jahr 2008 im Verlag Foto-Text-Statt erschienen und kostet 8,80 Euro. 

kgr 11.3.2009
www.echo-online.de


Besuchen Sie YOUTUBE, sehen und hören Sie die Kurzgeschichte "Gegenwart ist..." von Christian Bedor:
http://www.youtube.com/watch?v=sd6S7w78qps&feature=email

 











AMAZON-Rezension zu BEICHTGANG

Das laute Schweigen des Thomas L.

Distanzierte Sensibilität würde ich die Haltung nennen, in der Christian Bedor sich seinem Protagonisten Thomas Lehr nähert.
Eine deutlich männliche Art der Annäherung, die Emotionen eliminiert und stattdessen Äußeres, Umstände und Notwendigkeiten fokussiert.
Die emotionale Verletzung des kleinen Thomas, dessen Leben von der Geburt bis zum etwa 14jährigen Messdiener wiedergegeben wird, geht umso lauter aus den geschilderten Lebensumständen hervor, je unbedingter sie verschwiegen wird. Ein Kunststück, das Bedor hier fertigbringt. Er schafft es, die Sprachlosigkeit selbst sprechen zu lassen, in Episoden wie bei dem Sturz mit einem Tretroller oder einem Speiseeisgeschenk. Diese Eigenart seines Erzählstils hat mich am meisten beeindruckt und macht meiner Meinung nach den besonderen Wert von "Beichtgang" aus. Wie viele Gedanken, Befürchtungen, Berechnungsversuche, sachliche Erwägungen und Zukunftsprognosen sich während einer kurzen Fahrradfahrt im Bewusstsein eines einsamen vernachlässigten kleinen Jungen abspielen können!
Thomas ist Lehrersohn, unverkennbar, auf Pflichterfüllung und Standesbewusstsein so sehr getrimmt, dass schon das eigene Wollen und Wünschen im Ansatz verkümmert. Katholische Pfarrer und seine Lehrer(-Eltern) prägen seine Welt. Verbote und Gebote, die er ängstlich zu erfüllen sucht.
Sehr nahe kommt der Autor seinem Protagonisten, dringt in dessen abgeschottete Geisteswelt fast völlig ein, ohne kaum je ein Gefühl zu offenbaren, abgesehen von der lebensbestimmenden Angst vor Strafe, Blamage und davor, das Falsche zu tun. Thomas fühlt sich kaum je verletzt, dafür beschämt und unzulänglich. Im Laufe seiner Entwicklung steigert sich seine Befindlichkeit zu einer ohnmächtigen, beinahe-wütenden Verwirrung ange-sichts elterlicher Erziehungsmaß-nahmen, die er nicht versteht und als ungerechtfertigt empfindet.
 

Irgendetwas stimmt nicht. Der Vater ist alkoholkrank und hat ein außereheliches Verhältnis - ausgerechnet mit Thomas' Lehrerin. Doch woher soll er schließlich wissen, ob ihm Unrecht geschieht, ohne jede Referenz, wie die Dinge eigentlich laufen sollten? Keine Wahl bleibt ihm, als sich schicksalsergeben zu fügen, Antworten auf Thomas' unausgesprochene Fragen bleiben aus.
Erst in einem Brief an seine Eltern als Erwachsener gelingt es Thomas, auszudrücken, worunter er zeit seiner Kindheit gelitten hat und auch dieser Ausbruch fällt eigentümlich beherrscht und bedacht aus.
Ein überraschend leicht fließendes und lesenswertes Buch, das in seinem lauten Verschweigen die ganze Hilflosigkeit eines vernachlässigten Jungen ausdrückt, insbesondere die schmerzende Ohnmacht, die darin liegt, dass Dinge totgeschwiegen werden, nicht zur Sprache kommen können.
Darüber hinaus ein Buch von besonderer Relevanz für die Generationen der 50er, 60er und 70er Jahre, die sich atmosphärisch und emotional darin wiederfinden werden.

Sina Burger, Ingelheim, 6.5.2004



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