Vorwort
Handy, Sushi, DSL: die Inflation von neuen Begriffen und Abkürzungen lässt viele Menschen kopflos zurück. Sie können aus dem Gleichgewicht geraten. Manchmal rempeln sie Mitmenschen auf dem Bürgersteig an. Aus der alltäglichen Beschleunigung, Schnelligkeit und Hast, resultieren oft bizarre Folgen. Einfachste Bewegungen können deshalb große Herausforderungen sein. Ist Bewegung Weg und Ziel zugleich? Bewegungsstudien belegen, dass das Fortgehen ein Heimkommen bedeuten kann. Die Autoren Christian Bedor und Michael Liebusch haben das Anliegen, ein eigenes Tempo des Erzählens zu finden.
Das Frankfurter Bankenviertel aus der Sicht einer Stubenfliege, Tennis-Satz-Dialoge in der U-Bahn, eine tödliche Bergwanderung zu einem Hochzeittagsgeschenk, der Weg des Schreibens als Erinnerung an ein nicht eingestandenes, grausames Verbrechen sind für die Autoren Leitmotive.
Christian Bedor sieht sich beim Erzählen als Chronist seiner (Frankfurter) Zeit. Michael Liebusch tritt als leiser Utopist auf, oft sind surreale Lösungen in seinen Erzählungen erkennbar.
In dieser Verbindung liegt der Reiz des Buches. Zwei unterschiedliche Herangehensweisen an das Thema Reise und Bewegung, die neue Perspektiven schaffen.
Klappentext:
Also, wir waren bei den Rempeleien am Kalt-regal. Zack, werde ich von einer Kundin einen Viertelmeter nach links 'gedrückt', dann schießt plötzlich und unverhofft rechts von mir eine Hand haarscharf an meinem Gesicht vorbei und greift nach dem Sahnebecher.
Christian Bedor Gegenwart ist ...
Manchmal trägt sich der weitsichtige Schwimmer mit Gedanken, ob es sinnvoll sei, immer wieder an Land ins gleiche Leben zurückzukehren. So ist es auch heute. Er schwimmt noch einen Kreis im unruhigen Meer der Wellen, ohne den Hai zu bemerken, der das aufdringliche Mahl dankend ablehnt.
Michael Liebusch Der weitsichtige Schwimmer
Bestellbar:
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www.kunstraum-liebusch.de Besuchen Sie YOUTUBE, sehen und hören Sie die Kurzgeschichte "Gegenwart ist..." von Christian Bedor:
http://www.youtube.com/watch?v=sd6S7w78qps&feature=email
Rezension
zu "Bewegungsversuche" aus
Rattus Libri 62, publiziert:
Anfang
Februar 2009.
Irene Salzmann hat freundlicherweise die Veröffentlichung der Rezension auf dieser Webseite genehmigt.
Anders als die großen' Verlage, deren Programm strikt
Umsatz orientiert angelegt ist, können sich die Kleinverlage und Autoren, die
im Eigenverlag oder über BoD publizieren, Experimente erlauben und über das
schreiben, was sie bewegt - und nicht über das, was die Masse nach
Verlagsmeinung kaufen will oder soll.
So präsentiert sich „Bewegungsversuche" in einem unaufdringlichen,
seriösen Gewand (Taschenbuch, schlichtes Hochglanzcover, übersichtliches
Layout) und mit einem wenig spektakulären Titel. Das wiederum lockt die Leser,
die ihre Lektüren abseits des Mainstreams suchen.
Tatsächlich lässt der Titel „Bewegungsversuche" verschiedene
Interpretationsmöglichkeiten zu: Zwei sehr verschiedene Autoren versuchen, sich
mit ihren Geschichten aufeinander zu oder voneinander fort zu bewegen, um
trotz ihrer Gegensätze ein abwechslungsreiches, dynamisches Ganzes zu schaffen.
Sie versuchen, überhaupt etwas zu bewegen, beim Leser und der
Gesellschaft. Zu diesem Zweck erzählen sie von Durchschnittsbürgern und
Durchschnittskreaturen, in denen man die Autoren, sich selber und sein Umfeld
wieder finden kann, und sie alle versuchen, sich oder etwas zu bewegen,
oder sie beobachten die
Bewegungsversuche anderer. Nicht immer wird dabei
eine Lösung aufgezeigt, und wenn, dann ist sie ungewöhnlich und kommt
unerwartet.
Auf rund 90 Seiten offerieren
die Autoren 20 kurze Geschichten, die um das Titelthema kreisen und es auf
unterschiedliche Weise angehen:
Christian Bedor schlüpft gern
in die Rolle des Ich-Erzählers und fasst als Bernd Stopfnuss, Karsten
Sippelhagen oder Felix Name seine kritischen Impressionen vom alltäglichen
Wahnsinn in der Großstadt Frankfurt zusammen. Diese sind zeitlos und können von
jedem, unabhängig von seinem Wohnort, nachempfunden werden. Meist geht es um
alltägliche Angelegenheiten, über die man sich Gedanken macht, wohl wissend,
dass man nichts ändern - nichts bewegen - kann.
Das
beginnt bei kleinen Dingen wie der Rücksichtslosigkeit der Mitmenschen, die
sich unhöflich überall durchrempeln, kein Wort der Entschuldigung verlieren und
sogar noch unverschämt werden, wenn man sie auf ihr ungehobeltes Benehmen
anspricht (und hier hat es jeder noch in der Hand zu versuchen, seine
Bewegungen
zu kontrollieren), bis hin zur (Alters-) Armut, die immer
mehr Menschen dazu zwingt, in Bewegung zu bleiben, um Mülleimer auf
verwertbare Objekte wie Pfandflaschen, Nahrungsmittel etc. zu durchsuchen (wobei
sich hier endlich der Staat dazu bewegen lassen sollte, etwas zu unternehmen).
Allerdings beschränkt sich Christian Bedor nicht
ausschließlich auf die menschliche Sichtweise, sondern wird sogar zur Fliege,
auf die er gängige Probleme und Überlegungen überträgt. Letztlich ist das
kleine, unscheinbare, lästige Insekt auch wieder nur eine Metapher für den
Menschen, der im großen Gesamten unbedeutend und kurzlebig ist, als Einzelner
wenig bewegen kann, aber immerhin in der Lage ist, etwas zu
verderben: So wie die Fliege durch Eiablage und das Übertragen von Keimen
Speisen ungenießbar macht, ist der Mensch fähig, seinen Lebensraum zu
zerstören.
Christian
Bedor erzählt in einem lockeren Plauderton, als würde er sich mit dem Leser
unterhalten, und bewegt sich dabei langsam von einem Thema zum
anderen. Er beschreibt Situationen und Eindrücke, die man kennt, und spricht
Ängste an, die jeden bewegen.
Michael Liebusch zieht die Perspektive des neutralen Erzählers für seine
oft surrealen Geschichten vor. Fast immer kurz und prägnant bringt er seine
Aussage auf den Punkt. Die Protagonisten, die er agieren lässt, sind naiv und
versponnen wie z. B. der Inselbewohner Hub, Konrad Bolz mit seiner
Zigarrenkiste oder die theorisierenden Fußballspieler. Sie haben ihre ganz persönliche,
verdrehte oder gar absurd erscheinende Sichtweise der Dinge, die nicht selten
konträr ist zu der des ,Normalbürgers'. Dabei geht es dem Autor nicht darum,
wer Recht hat, denn es kommt auf den jeweiligen Standpunkt an.
Für gewöhnlich versuchen seine Charaktere, sich mit dem
Strom zu bewegen, wobei sie nicht merken, dass sie eigentlich in
dieser Bewegung erstarrt, in den Konventionen oder ihrer eigenen
beschränkten Welt gefangen sind. Erst der Zufall bringt für sie etwas in Bewegung, zum
Guten oder zum Schlechten, wie bei dem Schwimmer, der ohne seine Brille
plötzlich eine andere Sichtweise entdeckt und für sich ein neues Leben in
Erwägung zieht, wie die Kellnerinnen, die in dem Moment an Einfallslosigkeit
leiden, ab dem sie auf Kommando ihre Späße treiben sollen, oder wie die
Fußballer, die unverhofft gewinnen, als sie einmal nicht ihren schönen Theorien
folgen. Allerdings versteht es Michael Liebusch, auch längere Geschichten zu
schreiben, die morbid und schaurig sind, wie das Beispiel „Underwood - Allein
im Wald" beweist. Der Leser wird eingeladen, einen Blick in die Gedanken
des Holzfällers Jack zu werfen und damit in einen Albtraum einzutauchen.
Erinnerungen, Realität, Visionen, Hoffnungen und Ängste verschmelzen zu etwas,
das kaum mehr voneinander zu trennen ist. Der Protagonist scheitert bei seinem Versuch, sich
zu bewegen
- sich von dem zu befreien, was ihn belastet, und das zu
bekommen, was er sich wünscht.
Interessiert man sich für
experimentelle Literatur, die zeitkritisch, satirisch und surreal Geschichten
aus dem alltäglichen Leben erzählt, sollte man dieser Anthologie eine Chance
geben. Christian Bedor und Michael Liebusch versuchen nicht,
Lösungen für bekannte Probleme zu finden; dass muss jeder schon selbst tun.
Stattdessen versuchen sie, mit „Bewegungsversuche" beim Leser etwas
zu bewegen,
was ihnen zweifellos auch gelingt, denn die Geschichten
regen nicht nur stellenweise zum Schmunzeln oder zum Gruseln sondern auch dazu
an, die eigenen Bewegungsversuche zu hinterfragen, vielleicht im positiven Sinn
zu verändern und langfristig eine Kettenreaktion auszulösen. (IS).
Der Bücherbrief Rattus Libri
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